Hommage an Simone Nieweg

Schlosspark BenrathSchlosspark Benrath (Foto: Hardo Bruhns)Wanderer! Wie oft bist Du durch den Wald gegangen, hast vielleicht ein fröhliches Lied gepfiffen, mit den Schuhspitzen im Laub geraschelt, hie und da einen markanten Ausblick mit zugekniffenem Auge geprüft, an Dein Ziel gedacht, Dich mit Deinen Weggefährten unterhalten - und Du hast den Wald nicht gesehen! Aber vielleicht ist Dir irgendwo am Wegesrand eine Fotografin aufgefallen, die dort arbeitete, gebückt hinter einer großen Balgenkamera auf einem noch größeren Stativ, neben sich einen Koffer, in dem sie ihre schweren und sperrigen Fotoplatten mit sich führte. Wahrscheinlich hast Du kurz Deinen Schritt verlangsamt und versucht, zu erkennen, was diese Frau dort so fasziniert, daß sie es im buchstäblichen Sinn „auf die Platte“ bannen will.

Aber schon stürmtest Du weiter, denn dort war gar kein spektakuläres Motiv zu erkennen - es sah dort ganz gewöhnlich aus: wie Wald eben so aussieht. 

 

Thornton Wilder hat in „Unsere kleine Stadt“ beklagt, dass wir uns in unserer Umgebung bewegen, ohne sie im eigentlichen Sinne wahrzunehmen. Die Fotografin Simone Nieweg will dem Gewöhnlichen Aufmerksamkeit schenken und seine Ästhetik aufscheinen lassen. Die Ausstellung ihrer Bilder unter dem Motto „Der Wald, die Bäume, das Licht“ in Schloß Benrath, die die Freunde von Schloß und Park Benrath in einer Preview besuchten, zeigt denn auch überwiegend unspektakuläre Motive: Waldsäume, Wanderwege im Wald, einzelne Bäume oder Baumgruppen, vom Tageslicht durchzogen. Es ist richtig, wenn Prof. Schweizer in seiner Einführung zur Ausstellung dazu aufforderte, sich Zeit zu gönnen, die Sehgewohnheiten zu entschleunigen: erst wenn der Blick auf den großformatigen Fotografien zu ruhen beginnt, sie durchwandert, sich in ihnen vertieft, erschließt sich der ästhetische Reiz der unendlichen Vielfalt der Nuancen im Spiel zwischen Licht und Schatten, die Harmonie des in feinsten Abstufungen von Schwarzbraun bis zum hellsten Grün reichenden Farbraums. Besonders beeindruckt die Bildkomposition: was wie rein zufällig „in den Wald geblickt“ aussieht, entpuppt sich als sorgfältig gestaltet, um die Ruhe, die Tiefe, das Ursprüngliche und das Zusammensein der pflanzlichen Waldgemeinschaft vor dem Auge des Betrachters aufleben zu lassen. Der Eindruck reiner, unberührter Natur entsteht, obwohl die Fotografin in aller Regel Motive aus Kulturlandschaften gewählt hat: Forstwälder mit Wanderwegen, an Felder grenzende Waldränder etwa. Einige Bilder, gemeinsam gehängt in einem Raum, zeigen Schloß Benrath und die Magnolien an seiner Südseite. Sie sprechen nicht von der Ästhetik des Gewöhnlichen: Hier ist der Baum mit seinem Blütenschmuck ein prachtvoller Solitär außerhalb seiner natürlichen Umgebung, ein überbordend spektakuläres Motiv, das alljährlich Scharen von Fotografen anlockt.

 Die blaue BlumeDie blaue Blume, Zelazova (Foto: Hardo Bruhns)

Die Bilder in den Räumen von Schloß Benrath öffnen eine Sphäre wohltuender Ruhe und Harmonie. In einer „Schalldusche“ und im Katalog wird Heines Gedicht "Waldeinsamkeit" zitiert, in dem er aus seiner Matratzengruft heraus, auf den (die Romantik einläutenden) "Blonden Eckbert" Tiecks anspielend, den Verlust seiner Jugend und seiner romantischen  Imaginationskraft beklagt. Das wirft ein interessantes Schlaglicht auf die Sichtweise der Fotografin und der Ausstellungsmacher: Simone Nieweg porträtiert den Wald aus der Distanz, sie zeigt sich als Becher-Schülerin, die nüchtern, stets mit umfassender, jedes Detail wiedergebender Tiefenschärfe Bestandsaufnahme der ästhetischen Substanz betreibt. Waldblumen, Fauna sowie Faune, Elfen und waldgeisternde Alraunen, die schon Heine vermisst, finden sich auch bei ihr nicht – es gibt keine blaue Blume. Sie zeigt vielmehr den Wald als nature morte, schärft das Auge für die abstrakte Schönheit, für das Finden des Blickwinkels, aus dem das Gewöhnliche reizvoll wird und den Betrachter in den Bann zieht. Aus dieser Perspektive lässt sich gleichwohl weiteres erahnen.

 

So möge es Dir, Wanderer, gelingen, durch die Betrachtung der in Benrath gezeigten Bilder den Wald besser zu sehen lernen. Mit geübteren Auge kannst Du dann Deinen Weg wieder zwischen Eichen, Buchen und Tannen lenken und dort, geführt durch die Kunst Simone Niewegs, die ästhetische Harmonie des Waldes, der Bäume und des Spiels von Licht und Schatten ganz neu erfahren. Ob Du Dich dann, wie Heine es ersehnte, zwischen Elfen und Alräunchen wiederfindest, magst Du mit Fuchs, Hase und Igel besprechen.  Bis zum 24. April 2016 ist die Ausstellung im Gartenkunstmuseum von Schloss Benrath zu sehen.

 

 

Schlosspark Benrath (Foto: Hardo Bruhns 2015)Schloßpark Benrath (Foto: Hardo Bruhns)

 

P.S.: Simone Niewegs Bilder sind in der Ausstellung zu sehen. Die Bilder hier dienen nur dazu, eine unspezifische Waldeslust zu fördern.

 

 

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