Ein Jahr ohne Sommer in Benrath

1816 war ein Jahr ohne Sommer. Der Vulkan Tambora bei Java war am 10. April 1815 buchstäblich explodiert und hatte in weitem Umkreis alles Leben erstickt und so gewaltige Asche- und Schwefelmengen in die Stratosphäre geschleudert, dass über ein Jahr lang vor allem in der nördlichen Hemisphäre die Sonneneinstrahlung massiv abgeschwächt wurde.  Das führte nicht nur in Asien sondern auch in Nordamerika und Europa 1815/1816 zum kältesten Winter seit Beginn der Temperaturaufzeichungen und über die Wachstumsperiode des Jahres 1815 hinaus zu Mißernten und schlimmer Hungersnot. Sogar Heu fehlte, um das Vieh zu füttern, es musste geschlachtet werden. Der Himmel war dunstig und in den Morgen- und Abendstunden blutrot - in der Kunst und Literatur wurde das prominent durch William Turner und Lord Byron festgehalten.

 

200 Jahre später wurde nun im Rahmen des Schumann-Festivals von der Stiftung Schloss und Park Benrath an dieses Jahr ohne Sommer erinnert. Aus verschiedenen Perspektiven  wurde das Thema angeschnitten, insbesondere auch aus künstlerischen Blickwinkeln, wobei - vielleicht ein Merkmal unserer Zeit - die künstlerische Reflexion sich recht großzügig einer Rationalität in der Tradition abendländischer Aufklärung begibt und Antworten weniger in einer auf sie bezogenen Poetik als in anderen, eher schamanenhaft wirkenden Dimensionen sucht. Dennoch fehlte es nicht an Erleuchtung: zumindest das Schloss war illuminiert, allerdings geometrisch wie spektral bewußt einseitig-selektiv und mit massiven Schlagschatten, nämlich über den Spiegelweiher hinweg von einem Strahler mit enormer Lichtstärke in monochromatischem Rot. Der Lichtkünstler wollte dabei wohl eschatologische Visionen angesichts einer sich als punktförmiger roter Glutball entfernenden Sonne evozieren, während wir allerdings wissen, dass der Glutball der endzeitlichen Sonne zu uns kommen und die Erde verschlucken wird - das rote Licht uns von allen Seiten sengend und schattenlos umfassen wird.

 GlutwelleHerankommende Glutwelle. Illumination in Benrath (Foto: H. Bruhns)

 

Aber durch die Lichtinstallation mochte sich auch der Eindruck ergeben, in der Ferne sei die grell-leuchtende Lava des nächsten "Tambora" zu sehen, dessen Wirkung auch Schloss Benrath im Glutrot erstarren lassen wird.  Zweifeln mag man an der Darstellung im Programmheft, die Wissenschaft hege die Hoffnung, durch Analyse den Vulkanismus beherrschbar zu machen (am Schloss sollten akustisch durch halblautes montones Ablesen amerikanischer Patentanmeldungen  Konzepte zum Geo-Engineering dem Hörer bewußt gemacht werden, was zwar ohne Erläuterung kryptisch blieb, aber vielleicht gerade deshalb deren banale Aussichtslosigkeit signalisierte). Analyse kann zu Verstehen führen und damit die Angst vor unberechenbaren Dämonen nehmen - doch der Schrecken der Vulkane und kosmischen Vorgänge wird bleiben: die Kräfte des Menschen und seiner Götter sind zu klein, die Erde und den Kosmos in diesem Maße zu beherrschen und werden es wohl auch bleiben.  - Innen im Schloss bot sich in Entsprechung des Jahres ohne Sommer ein Schloss ohne Licht in schummrig-magischer Dämmerung und mit schwer definierbaren Toneffekten.

 

200 Jahre sind auf geologischen - und damit vulkanischen - Zeitskalen weniger als ein Wimpernschlag. Wann wird ein weiterer "Tambora" mit dem nächsten Jahr ohne Sommer kommen und was für Folgen wird das haben? Auch wenn die künstlerische Verarbeitung bei diesem Ereignis in Benrath darauf keine Antwort geben kann, wecken die Assoziationen an 1816 apokalyptische Visionen, die wohl nicht eindrücklicher beschrieben worden sind als in Byrons Poem "Darkness".

 

Jahr ohne SommerDas Jahr ohne Sommer: Versteinerte Zeugnisse vergangener Kultur, die letzten Menschen winzig vor dem apokalyptischen Glutauge? Illumination in Benrath. (Foto: H. Bruhns)

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