Spannender Museumsbesuch: Kunst und Alchemie

Rund ein Dutzend Freunde versammelte sich am 16. Juli 2014 vor dem museum kunstpalast, um sich in die Welt der „Alchemie und Kunst“ versetzen und in einen dieser Geheimwissenschaft Kundigen verwandeln zu lassen. Die gleichnamige Ausstellung versammelt ein beeindruckendes Konvolut künstlerischer Zeugnisse aus zweitausend Jahren, an dem sich die Vorstellungen der alten Alchemisten und ihrer mitunter profanen Epigonen ablesen lassen.

 

 

 

Hermes Trismegistos - sagenhafter Begründer der Alchemie (Fussbodenmosaik im Dom zu Siena) Quelle: Wikipedia

Die Entstehung der Alchemie wird in der Ausstellung im frühen nachchristlichen Ägypten verortet. Aber die enge Verknüpfung dieser hermetischen Wissenschaft mit Magie, den uralten Wünschen der Menschen nach Wissen, das Macht und Reichtum verleiht, wie dem ewigen Bestreben, sich gegen die unheimlichen Bedrohungen der Naturgewalten zu schützen, verweist auf Wurzeln, die weit in die archaische Vorzeit reichen. Sich von einem der Umwelt naiv ausgesetzten in ein wissendes Wesen zu verwandeln, das sich die Außenwelt untertan macht, ist der Traum der Menschen seit der Vertreibung aus dem Paradies; Astrologie und Alchemie, auch die Religion können als unterschiedliche Emanationen ein und desselben Bestrebens verstanden werden.

 

Das Wissen um die Alchemie, um die innere Verwandlung – und damit einhergehend auch eine äußerliche - wurde als so wertvoll angesehen, dass es geheim bleiben sollte, und, begrifflich nicht so recht faßbar, erschien es zu komplex, als dass es mit den Mitteln der gemeinen Sprache hätte wiedergegeben werden können. Die Keilschrift, deren Verständnis verloren gegangen war (und deren Entschlüsselung erst wieder in der Neuzeit gelang), wurde als archaische Geheimsprache angesehen, in deren Zeugnissen alchemistisches Wissen verborgen auf uns gekommen war. Dem großen Welträtsel der Alchemie schien nur in einer ausschließlich Adepten vertrauten allegorischen Bildersprache näherzukommen sein. Damit kam der Kunst und künstlerischen Darstellung zentrale Bedeutung zu - umgekehrt wurde die Kenntnis der alchemistischen Symbolik von Malern genutzt, ihre Bilder sprechen zu lassen, über das hinaus, was die eigentliche szenische Darstellung aussagen kann. Auch Farben waren wichtig: wie bei uns dem jungfräulichen Weiß und dem trauernden und ehrfurchtgebietenden Schwarz wurde auch von den Ägyptern bestimmten Farben Bedeutung zugewiesen, meinte man doch, wie der naturgegebene menschlichen Körper durch farbige Gewänder oder Bemalung verändert wird, damit auch Wesen und Schicksal zu verwandeln. Diese bei vielen Naturvölkern und Kulturen anzutreffende Vorstellung ist eng verwandt mit der von Alchemisten den Farben zugeordneten Bedeutung; auch dies verweist auf tiefe, weit zurückliegende Wurzeln der  Alchemie.

 

Mit dem ausklingenden Mittelalter, als die Antworten der Religion das Bedürfnis der Menschen, ihre Situation zu begreifen, in zunehmendem Maße nicht mehr befriedigten, kam der Alchemie wie der mit ihr verwandten Astrologie eine große Bedeutung zu – fast jeder Herrscher versammelte an seinem Hof Wissenschaftler, die  den Stein des Weisen zu suchen (und manchmal zu finden) vorgaben. Allmählich begann auch die moderne  empirische Naturwissenschaft erste Erfolge zu feiern. Das war zunächst kein Gegensatz, Giordano Bruno und andere, so auch der hervorragende Arzt und Biologe Paracelsus, verstanden die Alchemie als die übergreifende und durchaus wirklichkeitsbezogene Wissenschaft, in die sich die Elemente ihrer empirischen Forschungen einfügten. Aber als diese empirische, analytische, rationale Forschung begann, Triumph auf Triumph zu feiern, wurde das Reich der spekulativ-mystischen alchemistischen Weltdeutung und -beherrschung kleiner. Es war unvermeidbar, dass zwischen jemandem wie Paracelsus, der wachen Auges die Natur beobachtete und neue empirische Erfahrung analytisch verknüpfte, und seinen Konkurrenten, die sich als Ärzte in der Hauptsache auf aus der Antike überkommenes alchemistisches Bücherwissen stützten, erbitterter Streit entstand, genauso wie anschließend zwischen den empirischen Naturforschern (die, wo Empirie (noch) nicht verfügbar war, durchaus weiter „alchemistisch“ dachten) und den ausschließlich in ihrem Bücherstaub und verblasenen Laborexperimenten mit Salamandern, Exkrementen und magischen Zeichen verharrenden, der Empirie unfähigen theosophischen Alchemisten.

 

Was machte die Kunst? Sie folgte dieser Entwicklung; ihre Funktion, Sprache des Geheimwissens und des Weltbilds der Alchemie zu sein, verblasste, alchemistische Symbolik wandelte sich mehr und mehr in klassisches Zitat, das über Romantik, Symbolismus und Surrealismus  bis in die heutige Kunst weiterverwendet wurde. Auch das Umfeld veränderte sich: nicht mehr der in Symbolik und Hintergründe Eingeweihte, sondern ein weitgehend unkundiges Publikum betrachtet nun die Werke der modernen Künstler. Sie selbst scheinen auch nicht ernsthaft den Motivationen der Alchemie nachzuspüren. Da wo sie alchemistische Versatzstücke verwenden, stellt sich keine magische innere Wandlung oder Ahnung ein, wie es dem dafür empfänglichen und in Sachen Alchemie gebildeten Publikum bei den alten und frühneuzeitlichen Künstler wohl geschehen mochte, auch keine neue Erkenntnis. So vermögen die modernen alchemistischen Schatzkästlein, Tische oder Laboratorien kaum mehr als kuriose Verwunderung oder Belustigung zu erregen.

 

Dass dies aber nicht immer so sein muss, zeigt sich am Schluss der Führung: Sigmar Polkes vierteiliges Gemälde, übermalt mit alchemistischen Farben, macht uns auf das Geheimnis der Smaragdtafel des Hermes Trismegistos im Mosaik zu Siena aufmerksam, die alles Wissen enthält – und zitiert auch den lateinischen Ursprungstext, was heutzutage genauso hermetisch wirkt wie seinerzeit die Keilschrift. So bleibt recht im Verborgenen und spannend, was hier über die Schöpferkraft Gottes gesagt wird, der sich selbst erschafft. Oder ist es der Mensch, der mit den Mitteln der Alchemie dem Schöpfer gleich sein will? Wer diese höchst alchemistische Botschaft entschlüsseln kann, ist weit gekommen in seinem chymischen Lustgärtlein. Oder nicht? Das bleibt am Ende Rätsel wie die Alchemie selbst.

 

Mithin: es war ein zum Nachdenken anregendes Erlebnis, das uns die interessante und kompetente Führung im ohnehin sehr sehenswerten museum kunstpalast vermittelt hat. Es lohnte sich einmal mehr, mit den Freunden von Schloss und Park Benrath etwas zu unternehmen. Frau Klahold sei herzlich Dank gesagt für die Idee und Organisation.

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