Festvortrag: Schloß Benrath: ein Juwel für Stadt und Land

 

Dr. Benedikt Mauer, Leiter des Düsseldorfer Stadtarchivs

Festvortrag zum 20-jährigen Jubiläum der Vereinigung Freunde Schloss und Park Benrath e.V., gehalten am 12. Januar 2014 im Kuppelsaal des Corps de Logis, Schloss Benrath (veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors)

 

Was in der Bonner Republik für den Bund Schloß Augustusburg war, das ist Schloß Benrath lange Jahre für das Land gewesen – obgleich bei Licht besehen und eingedenk der Eigentumsverhältnisse dann nicht nur der auswärtige Staatsgast zu Gast war, sondern auch der gastgebende Ministerpräsident, denn das Schloß war damals eine klassische städtische Immobilie. Welche Stadt konnte sich schon rühmen, ein solches Kleinod ihr eigen zu nennen. Die meisten ehemals landesherrlichen Schloßanlagen – und nichts anderes war auch Schloß Benrath bis zum Verkauf an die Gemeinde – befinden sich bis heute nicht in kommunaler Hand. Entweder sie blieben Staatsbesitz (siehe etwa Augustusburg) oder aber sie wurden vom Landesherren an andere Eigentümer übergeben, die eng mit dem Land verbunden waren (Schlösser Bonn und Münster gingen an die dortigen Universitäten). Und obgleich Schloß Benrath heute Teil einer Stiftung ist, blieb doch der Bezug zur Stadt sehr eng.

Aber durch diesen Einstieg bin ich schon mit der Tür in Haus - besser – ins Schloß gefallen.

Werfen wir doch einmal einen Blick in die Geschichte.

Ich bin Historiker. Und wenn ich mir Landkarten und andere Unterlagen dieser Gegend aus dem 17. und 18. Jahrhundert anschaue, dann stelle ich fest, dass Benrath seinerzeit ähnlich groß war wie das benachbarte Urdenbach. Gut, hier in Benrath stand eine betagte Kirche, über deren genaues Alter bis heute gestritten wird. In Urdenbach aber tagte über viele Jahrhunderte das Gericht. Ohne in die Details hinsichtlich Wirtschaftskraft, soziale Schichtung der Bevölkerung etc. gehen zu wollen kann man sicherlich behaupten, dass Benrath bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zuvorderst mit dem Schloß in Verbindung gebracht wurde. Erst mit der Industrialisierung veränderte sich wie in vielen anderen deutschen Kommunen das Ortsbild und v.a. das der näheren Umgebung beinahe schlagartig. Auf einem ruhigen, ländlich geprägten Umfeld wuchsen die Fabriken, suchten dort arbeitende und lebende Neu-Benrather adäquate Wohnmöglichkeiten und veränderten das gesellschaftliche sowie soziale Gefüge der ruhigen Landgemeinde binnen weniger Jahrzehnte ganz grundsätzlich.

Aber: Trotz aller naturräumlichen und kulturlandschaftlichen sowie städtebaulichen Neuerungen: wie eine Insel der Geschichte blieben Schloß Benrath und sein Park bestehen. Wie aus der Zeit gefallen erinnert dieses Gesamtkunstwerk an eine Epoche, in der das nahe Düsseldorf Residenzstadt war – und es eigentlich doch schon nicht mehr war, denn im Grunde ist der Pigage-Bau ein Stein gewordenes, nicht gehaltenes Versprechen des Landesherrn an seine bergischen Untertanen. Das heutige Schloß Benrath entstand während der Abendröte Düsseldorfs als Hauptstadt in Funktion – ohne Fürst kann ein Lustschloß eigentlich nicht leben.

Aber was ist das eigentlich, ein Lustschloß?

Lassen wir hierzu den Großmeister der Ceremoniel-Wissenschaft des frühen 18. Jahrhunderts, Julius Bernhard von Rohr, zu Wort kommen. Er schreibt dazu ganz grundsätzlich: „Große Herren finden bißweilen an manchen Gegenden auf dem Lande einen besonderen Gefallen und erbauen sich nicht nur zu ihrem plaisir an denselben Orten prächtige Schlösser und schöne Land- und Lusthäuser […]. Die Architectur dieser Lust-Häuser ist unterschiedlich. Viele bestehen aus einem großen Pavillon, der mit unterschiedenen andern umgeben, diese sind bisßweilen wiederum in kleinere Pavillons eingetheilet. In dem Hauptpavillon logiren der Fürst mit seiner Gemahlin, oder mit derjenigen, die sie als Gemahlin lieben […]. Mitten in den Pavillon ist ein großer achteckiger Saal, in welchem publique Assembleen, Ballette und andere Lustbarkeiten gehalten werden.“ In der Folge schildert von Rohr zudem die idealtypische Anlage fürstlicher Gärten; auch diese Beschreibungen scheinen für Benrath wie gemacht, berichtet er doch von unterschiedlichen Gartenpartien, Wasserspielen, künstlichen Seen, Statuen und Orangerien. Schloß und Park Benrath sind somit – natürlich - nicht aus sich heraus entstanden, sie folgten in Architektur, Ausstattung und Nutzung dem, was im 18. Jahrhundert en vogue war. Man baute modern und bewies dadurch künstlerischen Sachverstand.

Schloß Benrath wurde in der Tat eigentlich nie als Residenzschloß im engeren Sinne der Definition genutzt, dazu war es ja auch nie gedacht. Residenzschlösser waren die Hauptwohn- und nicht zuletzt –verwaltungssitze in der Hauptstadt, die während der meisten Kalendermonate vom Landesherrn samt Familie bewohnt wurden. Schloß Benrath – und hier sind auch die Vorgängerbauten gemeint – diente entsprechend seiner Bestimmung in erster Linie als Ausgangspunkt von Jagden sowie als Sommerrefugium fern der unbedingt notwendigen zeremoniellen Zwänge der Herzogsfamilien aus den Häusern Jülich-Kleve-Berg im ersten Bau und den Pfalz-Neuburgern im zweiten Schloßbau, dem „Wasserschloß“. Hier konnte Anna Maria Luisa de Medici die Angel in den Spiegelweiher werfen – so es das Wetter denn zuließ, denn sie schrieb nach Florenz, dass die Winter hier 1000 Jahre dauerten. Sich als Fürstin angelnd an das Düsseldorfer Rheinufer zu stellen oder aus einem Fenster des Stadtschlosses heraus zu fischen wäre allein schon aus protokollarischen Gründen als nicht statthaft angesehen worden – in Benrath jedoch konnte man es tun. Auch etwa in Wien und Versailles spielte man hin und wieder bäuerliches Leben.

Der heutige Pigage-Bau wurde von seinem Bauherrn Carl Theodor, der von Mannheim bzw. München aus regierte, nicht bewohnt, ebenso wenig von seinen Ehefrauen.

Sein Nachfolger – in München residierend - tat es ihm gleich und nutzte die herrliche Anlage nicht. Dafür fühlte sich ein entfernter Verwandter des bayerischen Kurfürsten und Herzogs von Berg hier sehr wohl und so können wir festhalten, dass der erste ständige Bewohner ein Bayer war: Herzog Wilhelm in Bayern, der Urgroßvater von Kaiserin Elisabeth von Österreich. Er vertrat seinen Landesherren am Niederrhein als Statthalter von 1804 bis 1806 und nutzte samt Familie das Schloß sehr intensiv.

In der Folge sah die Anlage meist nur noch saisonal Gäste, so etwa Joachim Murat als Großherzog von Berg, von seinen Verwandten als „pauvre petit prince de Berg“ bezeichnet. Er nutzte die Anlage mehr als alle Vorgänger im Sinne einer Residenz, dies jedoch nur für wenige Monate. Napoleon stattete Benrath einen Jagdausflug ab. Der Eindruck, den das Ensemble bei ihm hinterließ kann nicht als uneingeschränkt positiv bezeichnet werden, ordnete der Kaiser doch an, das Schloß zu renovieren, aber: er werde jemanden aus Paris schicken, da es in der Provinz keinen Architekten gäbe. Dann – nach dem Übergang an das preußische Königshaus 1815 – treffen wir hier auf Fürsten und Prinzen, die als Kommandeure in Düsseldorf Dienst taten und die Sommermonate gerne hier verlebten. Hin und wieder blieb man auch länger da (Wilhelmine Luise von Preußen Sommers 1837-43; Erbprinz Leopold von Hohenzollern – Sigmaringen ganzjährig 1863-1875), in der Regel aber wurde die herrliche Anlage dann genutzt, wenn sie am schönsten anzusehen ist, nämlich in den wärmeren Monaten. Als reine, man mag beinahe sagen pragmatische Unterkunft diente sie den preußischen Monarchen im Kontext von Herbstmanövern. Dann hielt man sich hier nicht zur Erholung oder Sommerfrische auf, sondern bewohnte die Baulichkeiten als repräsentative Nutzbauten, um für wenige Tage im wahrsten Sinne des Wortes Quartier zu nehmen. Solche Königs-, bzw. seit 1871 Kaiserbesuche ließen die Stadt Düsseldorf und Benrath glänzen, man putzte sich heraus, um dem Landesvater zu gefallen, die Treue zur Krone zu bekräftigen und auch und nicht zuletzt um sich selbst darzustellen.

Eigentum der Krone: bedenkt man dies, so möchte man meinen, dass der Park der Öffentlichkeit nicht zugänglich war – ein Trugschluß. Aber – die Rheinlande gehörten nun einmal zu Preußen – und daher wollte auch diese Nutzung geregelt werden. Im Stadtarchiv finden sich mehrere Parkordnungen zu Schloß Benrath, deren älteste aus dem Jahr 1829 datiert. Dort wurde detailliert aufgeführt, was man tunlichst zu unterlassen hatte. So war etwa das Mitführen von Hunden untersagt, ebenfalls das Herumlärmen im Park oder das Ausleben vandalistischer Anwandlungen an Gebäuden, Statuen und Bäumen. Gleiches galt für das Blumenpflücken, Früchte ernten oder das Ausheben von Vogelnestern. Auch wurde nicht gestattet „Tabak zu rauchen, wenn fürstliche Personen anwesend sind“, was als deutlicher Hinweis für die Öffnung der Parkanlagen auch dann zu verstehen ist, wenn das Schloß bewohnt wurde.

Allerdings möchten Schlösser und deren Parkanlagen unabhängig von ihrer Frequentierung auch unterhalten werden – damals wie heute. Und so kam es, dass man sich in Berlin ab etwa 1907 mit dem Gedanken trug, Schloß und Park Benrath zu veräußern und nun schlug die Stunde der Kommune. Denn man befürchtete, dass vielleicht nicht das Schloß an sich, wohl aber der Park Grundstücksspekulanten zum Opfer fallen könnte. Bürgermeister Julius Melies griff die Gelegenheit beim Schopfe und wusste den Benrather Gemeinderat hinter sich. Die Verkaufsverhandlungen liefen ab wie ein Pokerspiel. Dachte die Krone ursprünglich an einen Verkaufspreis von 4 Millionen Reichsmark, so bot Benrath 1,35 Millionen. Vor allem der Düsseldorfer Regierungspräsident Francis Kruse ist als wichtiger Unterstützer Benraths zu benennen. Er hob die Bedeutung des Parks und dessen Nutzen für die Bevölkerung hervor und stellte sich somit sogar ein wenig gegen seine, die Berliner Zentralverwaltung. Tatsächlich einigte man sich auf ziemlich genau 1,5 Millionen Reichsmark, von denen Fritz Henkel 75.000 übernahm. Zum Vergleich: der Grundbesitz der Landgemeinde hatte 1909 einen Gesamtwert von ebenfalls etwa 1,5 Millionen Reichsmark. Man verdoppelte somit durch diesen Kauf das Grundvermögen der Kommunalverwaltung auf einen Schlag.

Pragmatismus war auch Teil der Argumentation, denn ohne den Ostflügel müsste man, so Melies, für den Schulneubau auch Geld in die Hand nehmen.

 

Über die Bedeutung der Familie und der Firma Henkel muß ich in diesem Kreise kein Wort verlieren, aber es ist sehr wichtig, nochmals Fritz Henkels Engagement zu erwähnen. Dem Firmenpatriarchen und eigentlichen Begründer der Henkelwerke konnte die landschaftliche Veränderung des Gebiets nördlich von Schloß Benrath nicht entgangen sein. Natürlich wusste er um die zahlreichen Bauten seiner Firma und der dort arbeitenden Menschen sowie der zahlreichen anderen dort ansassigen Firmen. Um so wichtiger schien ihm die Notwendigkeit, hier auch einen Ausgleich zu erreichen und der Bevölkerung – die in nicht geringer Zahl für ihn arbeitete – nachhaltig die Möglichkeit der Erholung zu bieten. Schloß und Park wurden schon seinerzeit als Gesamtkunstwerk begriffen.

Der Besitzerstolz der Landgemeinde schlug sich kurz nach dem Erwerb 1911 sogar im sonst eher nüchtern gehaltenen Gemeinderatsprotokoll nieder, denn dort wurde im März 1912 eine Glückwunschkorrespondenz wiedergegeben: „Der Vorsitzende (Melies) teilte der Versammlung mit, dass er mit Rücksicht auf den Übergang der Schloßbesitzung in das Eigenthum der Gemeinde an den Fürsten Wilhelm von Hohenzollen [-Sigmaringen], der im hiesigen Schlosse geboren sei [1867], zum Geburtstag am 7. dieses Monats wie folgt telegrafiert habe: „Eurer königlichen Hoheit Geburtsgemeinde gestattet sich als Besitzerin des Schlosses Benrath zum Geburtstage ehrerbietigste Glückwünsche zu senden.“

Mit der Eingemeindung Benraths nach Düsseldorf war auf einmal die Großstadt Schloßeigentümerin. Große Empfänge fanden dort erst einmal nicht mehr statt, dies sollte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend ändern. Nach 1945 boten sich in relativer Nähe zur Bundeshauptstadt Bonn zwei repräsentative Schlösser für Empfänge an. Zum einen Schloß Augustusburg in Brühl, das aufgrund seiner Nachbarschaft zum Regierungssitz sowie unvergleichlich größerer Baudimensionen für Staatsempfänge prädestiniert war. Zum anderen eben Schloß Benrath, hier empfingen vor allem die nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und Düsseldorfer Oberbürgermeister, aber auch hin und wieder die Bundespräsidenten ausländische Staatsgäste im industriellen Herzen der Bonner Republik, in Nordrhein-Westfalen. Die Liste reicht von Kaiser Haile Selassi von Äthiopien im Jahr 1952 über König Hussein von Jordanien, den belgischen König Baudouin, das heutige schwedische Königspaar (Königin Sylvia hat ja in Düsseldorf Abitur gemacht), Erich Honecker, Francois Mitterand, Michail Gorbatschov bis zu Fürst Rainier von Monaco. Einige der Genannten waren sogar mehrfach in Benrath zu Besuch. In besonderer Erinnerung blieb natürlich die Visite des gegenwärtigen britischen Königspaares am 25. Mai 1965. Königin Elisabeth und Prinzgemahl Philipp reisten mit dem Zug an und man kann bis heute an einigen Treppenstufen im Benrather Bahnhof jene Messingringe bewundern, die den roten Teppich dort hielten wo er hingehörte.

Speziell Bundespräsident Walter Scheel fühlte sich Benrath und dem Schloß verbunden. Kein Wunder, wohnte er doch in den 1950er und -60er Jahren hier im Ort, und zwar an der Meliesallee. 1975 wurde er in der lokalen Presse gar als „Schlossherr“ bezeichnet, weil er als erster Mann im Staate mehrere Empfänge im Schloß Benrath ausrichten wollte.

Im Mittelalter, vor allem aber in der frühen Neuzeit war eine mit einer stilisierten, zinnenbewehrten Mauer bekrönte Frauengestalt die gängige Allegorie der Stadt. Bleiben wir bei diesem Bild, dann ist Schloß Benrath bis heute ein Juwel in der Düsseldorfer Stadtkrone. Das noch recht junge Museum für europäische Gartenkunst, das Naturkundemuseum, Corps de Logis und Schlosspark ziehen nicht nur Einheimische an. Der Stiftungszweck des Benrather und Düsseldorfer Ehrenbürgers Fritz Henkel ist somit eigentlich – und was könnte man sich mehr wünschen – übererfüllt. Und der Freundeskreis ist ein starker Fürsprecher für die Anliegen aller an diesem Ensemble interessierten und für dieses Gesamtkunstwerk engagierten Menschen.

Vielen Besuchern wird nicht bekannt sein, dass Schloß und Park seit einem guten Jahrzehnt Teile einer Stiftung sind. Man muß dies auch nicht wissen, um die hier gebotenen Reize zu genießen. Aber mit der Stiftung und mit dem Freundeskreis setzt sich im Grunde genommen und bei Lichte besehen ein bürgerschaftliches Engagement fort, das die Landgemeinde Benrath und ihr Gemeinderat samt der Zustiftung durch Fritz Henkel schon 1911 zeigten und auf das – so ist zu hoffen – auch zukünftig Verlaß sein wird.

 

Grundlegende Literatur:

Stadtmuseum Düsseldorf (Hg.), Die Preußen und ihr rheinisches Lustschloß Benrath, Düsseldorf 2003

Stiftung Schloss und Park Benrath (Hg.), Schloss Benrath – eine Vision wird Wirklichkeit, Worms 2006

Benrath und sein Schloß (Benrath historisch Bd. 16), Benrath 2002

sowie ungedruckte Quellen aus dem Stadtarchiv Düsseldorf

 

 

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