Eindrücke von der Tagung „Alltag im Schloss – Versuch einer Mikro-Hofkulturgeschichte“

Geschrieben von Thomas Pricking, 30. März 2026
Beitragsbild: Vom Flyer zur Tagung

Über das hochherrschaftliche Leben in den europäischen Residenzen sind wir heutzutage sehr gut informiert. Neben dem spanischen und österreichischen Hofzeremoniell dürfte das von Louis XIV. eingeführte „Lever du Roi“ am bekanntesten sein: Welch ein Privileg und welche Ehre, den Sonnenkönig bei der Toilette (Besprenkeln der Hände mit ein paar Tropfen Wein) und beim Ankleiden begleiten zu dürfen!
Wie aber lebten und arbeiteten die vielen Menschen in den Residenzen, die zu deren reibungslosen Betrieb unerlässlich waren? Diesem Thema widmete sich die wissenschaftliche Tagung „Alltag im Schloss – Versuch einer Mikro-Hofkulturgeschichte“ am 27.-29. März, die im Roland-Weber-Festsaal von der Stiftung Schloss und Park Benrath, dem Rudolstädter Arbeitskreis zur Residenzkultur e.V. und dem Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz veranstaltet wurde.
Der Verfasser dieser Übersicht hatte die Gelegenheit, am zweiten Tag der überaus interessanten Veranstaltung beizuwohnen, die in einer inhaltlich breiten Auffächerung vielfältige und sehr unterschiedliche Aspekte des „einfachen“ Lebens am Hof darzulegen wusste.

Silke Herbst ging dem Dresdner Schlossbrand von 1701 nach. Auch wenn die Ursachen dieses verheerenden Feuers nie endgültig geklärt werden konnten, so wurde anhand der dokumentierten Befragungen der damals Handelnden deutlich, dass es an klaren Zuständigkeitsregeln, eindeutiger Verantwortung, guter Pflege der Löschvorrichtungen und vor allem an helfendem Personal mangelte. Bezeichnenderweise kamen „nur“ acht Soldaten und etliche Bedienstete ums Leben, nicht aber hochgestellte Persönlichkeiten. König August der Starke, der zum Zeitpunkt der Katastrophe in Warschau weilte, veranlasste nicht nur eine genaue Untersuchung, sondern sorgte dafür, dass neue Brandschutzverordnungen verfasst wurden, deren Einhaltung er peinlich genau überwachen ließ.

Käthe Klappenbach rückte das „gebändigte Feuer“ in den Mittelpunkt ihrer Darstellung: Anhand detaillierter Aufzeichnungen in den Rechnungsbüchern der Lichtkämmerer wurde deutlich, welch große Bedeutung der abendlichen Beleuchtung der Räume durch Kerzen beigemessen wurde, aber vor allem auch, welche enormen Kosten damit verbunden waren. Die Beleuchtung verschlang an allen Höfen einen beträchtlichen Anteil an den Gesamtkosten des Hofes. Ein großer Festabend kostete schnell 1.000 Taler allein für die Illumination der Säle. Verglichen damit war das Jahressalär für Johann Sebastian Bach mit 300 Talern von untergeordneter Bedeutung. In Regularien war genau festgehalten, welche und wie viele Kerzen je nach Rang der Person bereitzustellen waren. Die Kerzen wurden am späten Nachmittag der Dienerschaft in der „Silber- und Leuchtenkammer“ ausgegeben. Blieben am Ende Wachsreste übrig, durften die Bediensteten die Stumpen meistens für den eigenen Bedarf verwenden.

In den 1990er Jahren hatte im Bayerischen Hauptstaatsarchiv ein unbekannter Mitarbeiter – möglicherweise ein Praktikant oder Zivildienstleistender – aus verschiedenen Quellen die Dienerbücher der verschiedenen Herrschaften auf über 1.000 Seiten zusammengestellt. Dorothea Hutterer legte dar, welcher Schatz an Informationen in dieser Sammlung enthalten ist, aber auch welche Detailarbeit für die weitere Auswertung noch erforderlich sein wird. Namensdopplungen oder sich ändernde Schreibweisen des gleichen Namens, unterschiedliche oder gleichzeitige Rollen sind genau zu beachten, will man diese Zusammenstellung für die Dokumentation des Hofalltags und der handelnden Personen nutzen. Vielleicht wird man mit KI-Unterstützung schneller zu verwertbaren Ergebnissen kommen können.

Susanne Bauer und Ulrike Marlow haben sich in einer breit angelegten Studie den preußischen Hoffourierjournalen und Adjutantenjournalen gewidmet und für eine Nutzung der erschlossenen Archivalien für die breite Öffentlichkeit gesorgt. Während die Adjutantenjournale sich auf die wesentlichen Aspekte im Tagesablauf des Regenten konzentriert haben und damit Einblicke in dessen Alltag, seine gesundheitlichen Befindlichkeiten, Verleihung von Orden, seine Treffen mit Militärs und Hofbeamten gewähren, ohne indessen die Inhalte der Besprechungen wiederzugeben, wird in den Hoffourierjournalen das Leben am ganzen Hof wesentlich umfangreicher dargestellt. Es wird nicht nur über den König, sondern auch über die Königin, ihre gemeinsamen Aktivitäten und Veranstaltungen berichtet, so dass wir mehr über das tägliche Leben erfahren können. Etabliert wurden diese Hoffourierjournale ab 1833, um den Informationsfluss an das Hofmarschallamt und die erforderlichen Abrechnungen zu verbessern; später dienten die Dokumente auch als Quelle für die Planung von Veranstaltungen (was wurde für den Empfang eines hohen Besuches verbraucht – was wird beim nächsten Besuch benötigt). Mit dem Titel „Praktiken der Monarchie“ kann jeder Interessierte die Adjutantenjournale im Internet (https://actaborussica.bbaw.de/) einsehen. Geht man über das Register, kann man schnell die Suche auf Benrath eingrenzen und muss feststellen, dass „Sr Majestät … eine leidliche Nacht zugebracht“ hat.

Nach dem Vortrag von Ralf Wagner über das Alltagsleben in der kurpfälzischen Sommerresidenz Schwetzingen, in dem Carl Theodor dem Auditorium neben seinen umfangreichen natur- und wirtschaftswissenschaftlichen Interessen fast schon als Privatmann nähergebracht wurde, wusste Carola Finkel mit ihren Ausführungen über das Tanzen am Hof zu begeistern. Dem Hoftanzmeister oblag es, den Regentennachwuchs im höfischen Tanz auszubilden; er musste den Chor, die Solotänzer schulen, Feste organisieren und für die Kostümierung sorgen. Interessanterweise wurde nicht nur der Hofstaat unterrichtet, sondern auch Pagen und Kammerdiener, damit sie als Figuranten im Ballett mitwirken konnten. Der höfische Tanz diente der Repräsentation und war enorm wichtig, um in der Öffentlichkeit beim Schaulaufen „bella figura“ abzugeben. Nicht umsonst konnte ein Fauxpas auf dem Parkett das frühe Karriereende bedeuten. Der Tanzunterricht begann schon bei den Kleinen, im Alter von 4-5 Jahren wurde zumeist dreimal in der Woche eine Stunde trainiert; die Übungen begannen mit einfachen Schrittfolgen und wurden immer komplexer. Dazu wurde eine schriftliche Notation der Schrittfolgen erfunden. Frau Finkel erhielt großen Beifall, als sie die Notation einer Kinderetüde beschwingt auf wenigen Metern tänzerisch umsetzte.

Marian Hefter entführte uns an den Hof von Gotha und stellte die Rolle und Aufgaben der Fouriere dar, die in Gotha oftmals in einer Art „Erbfolge“ dieses Amt innerhalb der Familie weitergegeben haben. Das Aufgabengebiet des Fouriers umfasste viele ökonomische Themen und Aufgaben in der höfischen Verwaltung, er organisierte Feiern, Feste, Beerdigungen. In der höfischen Hierarchie steht er über den Lakaien, ist aber dem Hofmarschall untergeordnet. Die von ihm geführten Fourierbücher dokumentieren das Geschehen am Hofe und dienen uns heute als ausgezeichnete Quelle über das Leben der niedrigeren Chargen am Hof.

Hatten die Vorträge und die lebhaften Diskussionen das Niveau der Tagung bereits hoch angesetzt, so wusste der Vortrag von Sebastian Kühn einen grandiosen Schlusspunkt für den Samstag zu setzen. Der Keynote-Speaker stellte die sog. Braunsbergische Donation in den Mittelpunkt seines detaillierten und ungemein präzisen Vortrags. Was war Ungewöhnliches geschehen? Der ehemalige Bedienstete Martin Michael Braunsberg (1683-1764), der nach seiner Dienstzeit Karriere in der Finanzverwaltung gemacht hatte, verfügte in seinem Testament, dass aus seinem inzwischen angehäuften Vermögen 25.000 Taler an die Tochter seines ehemaligen Dienstherren, dem Etatminister von Kameke, vererbt werden sollen. Unerhört, der Bedienstete beschenkt seinen (ehemaligen) Dienstherren: Ist das nicht ein Verdrehung der hierarchischen Beziehung von oben und unten? Natürlich haben die Erben aus der Familie des Erblassers geklagt, erstaunlicherweise mit Erfolg. Das Gericht hat das Testament zwar als eindeutig in der Handschrift des Braunsberg verfasst bestimmt, es gleichwohl als Fälschung angesehen. Die Schenkung galt den Zeitgenossen als „Denkunmöglichkeit“. Sebastian Kühn hat in minutiöser Weise die an diesem Fall sichtbare Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft sichtbar gemacht: Es war verbreitet üblich, dass die Dienstherren den Lohn für ihre Bediensteten einbehielten, um ihn „sicher zu verwahren“, man ließ den „Lohn stehen“. Ebenso wurde beim Einkauf zumeist von den Bediensteten vorgestreckt, später wurde abgerechnet. Aus Sicht der Dienstherren wurden die Schulden der Herrschaft aus Gnade an die Dienstboten beglichen, im Umkehrschluss tilgten die Gaben der Dienstboten (auch bei 25.000 Talern!) die „Schuld“ beim Dienstherren, der ja viele Verpflichtungen für sein Personal übernommen hatte, denn man kam in derartige Patronagebeziehungen oft nur hinein, wenn es Empfehlungen von Dienstherren gab. Die Dienerschaft schuf sich eigene Netzwerke, um den dienenden Ertrag auch in persönlichen Vorteil ummünzen zu können. So endete der Dienst nicht wirklich mit dem Dienstende, vielmehr entstand eine informelle gegenseitige Verpflichtung ohne Rechtsanspruch: Eine asymmetrische Beziehung wird transformiert in ein gedeihliches Miteinander, ohne dass oben und unten sichtbar in Frage gestellt wird.

Sebastian Kühn, Foto: Thomas Pricking

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