Lothringen Frankreichs bestgehütetes Geheimnis

Jahresreise der „Freunde Schloss und Park Benrath“ vom 14. – 18. Juni 2026
Geschrieben von Heiner Meulemann, 21. Juni 2026

Wer ist die Schönste im Land?

Nach pünktlicher Abfahrt erst Zwischenhalt in der „Schneifel“-Fernfahrerstation, wie die Schnee-Eifel zwischen Prüm und Bitburg sich selbst benennt. Entspannung in Mondorf Les-Bains (L) und Mondorff (F), mit einer ersten Vorschau auf Jugendstilarchitektur und-dekor an Jahrhunderwende-Villen. In Rodemack wenige Kilometer weiter stieg unsere französische Führerin Jeanne zu. Sie zeigt uns – gleichsam als Vorläufer der Maginot-Linie – die Zitadelle und die voll erhaltene Stadtmauer, deren schönstes Tor für den Einzug der amerikanischen Panzer 1945 angehoben und wieder gesenkt werden musste. Am Abend quartierten wir uns in Metz im Hotel Maison Heler by Hilton ein – einem achtstöckigen Block aus Beton-Fertigplatten mit einem mittelalterlich empfundenen, blau glänzend aluminiumbedeckten Spitzgiebelhaus auf dem Dach. Darin, auf dem 9. Stock, gab es ein vorzügliches Abendessen und einen Blick von der Terrasse über den aufziehenden Abend und einem kühlen Bier aus der Bar nebenan. Das 2025 eingeweihte Hotel hatte den Hotel Design Award 2026 sicher verdient. Aber das Design hatte auch seine Tücken, wenn es einen im Kleiderschrank ein- oder aussperrte.

Der größte Vorteil einer viertägigen Reise ist es, dass man nicht für einen Hotelwechsel ein- und auspacken muss. In den vier Tagen sind wir alle im Maison Heler heimisch geworden. Es lag in einem Neubaugebiet mit avantgardistischen Wohn- und Bürogebäuden und dem Centre Pompidou, die der Hotelarchitektur durchaus gleichwertig waren. Zudem hatte es nicht nur die wunderbare Dachterrasse, sondern auch einen kühlen Garten, in dem man frühstücken und auch zu Abend essen konnte.

Am Montag – 15.06 – gab es zunächst eine bequeme Bus-Stadtführung durch die Straßen von Metz unter dichten Platanen und mit wilhelminischem Dekor – am Deutschen Tor und an der Mosel entlang. Der von den Deutschen 1902-4 gebaute Bahnhof ist zwar neuromanisch, aber auf der Höhe seiner Zeit, wenn er auf den Friesen über dem Eingangsportal eilige Reisende darstellt. Zu Fuß dann in die Kathedrale. Sie beeindruckt durch ihre schlanke Höhe, durch die ersten modernen Glasfenster aus den 30erJahren und durch die in jedem Sinne phantastischen Chagall-Fenster. Auf dem kleinen Platz vor dem Hauptportal der Kathedrale konnten wir dann in den kleinen Restaurants noch eine Quiche genießen, bis der Bus uns in Centre Pompidou brachte – einem Bau, der zwei einander kreuzende und kantige Beton-Längsriegel mit einem fast natürlich gewellten Betontuch bedeckt und damit die technischen Extreme des Betonbaus darstellt. Drinnen eine temporäre Ausstellung aus dem Magazin des Pariser Centre Pompidou, bis hin zur Konzeptkunst mit Neonstangen. Einen Überblick über moderne Plastiken auf dem Dach des unteren Längsriegels und unter dem Dach des Betontuchs konnte man auf einer Terrasse des 2. Stocks gewinnen.

Am Abend verschonte der Busfahrer uns erschöpfte Touristen vom im Prospekt angekündigten Fußmarsch zum Restaurant Arts et Metier gleich neben einem Repräsentationsbau mit einer noch immer nicht weggemeißelten Portalüberschrift Handelskammer. Ob das Essen besser oder schlechter war als im Maison Heler – darüber stritten sich die Geister. Beide waren sehr gut. Zum Schluss ein Absacker auf der Hotelterrasse.

Am Dienstag – 15.6. – Transfer zur überdeckten Markthalle gleich neben der Kathedrale, die am Montag geschlossen war. Nach dem üppigen Hotelfrühstück waren die Wenigsten noch fähig, die angebotene Quiche Lorraine (wie das Original es fordert ohne Käse!) und den Schoppen wirklich zu genießen und der Marktbetrieb erwachte erst ein, zwei Stunden später. Dann boten die Rue des Clercs und die Rue Surpenois – die besten Straßen der lokalen Fußgängerzone – zwar viele Marken-Boutiquen, aber nicht genug, um die ganze Freizeit bis 15h zu überbrücken. Das konnten erst eine erneute Stippvisite der Kathedrale und der Markthallen und schließlich eine Plauderei im Straßencafé leisten. Ab 15h brachte uns das Solarboot am Ufergebüsch und den Kormoranen eines Nebenarms der Mosel entlang bis zu einem Fern-Blick auf die Kathedrale. Zum Abendessen im Erdgeschoss des Hotels eine vorzügliche Dorade. Plaudern im kühlen Hotelgarten vor der Bar.

Am Mittwoch – 17.06. – Fahrt nach Nancy. Zuerst Besichtigung der Villa Majorelle, benannt nach dem Eigentümer-Künstler, der die Fassaden von jeder Symmetrie befreit hat und im Innern weder an Türen und Schränken noch Treppen und Fenstern die Gelegenheit ausgelassen hat, schwingendes Dekor anzubringen. Am beeindruckendsten war der Kachelofen mitten im Esszimmer. Ginge es nur die Selbstdarstellung eines reichen Künstler-„Fürsten“, könnte man das etwas ältere Lenbach-Haus in München heranziehen, das zwar größer ist, aber weit weniger einem einzigen Stil frönt. Durch die Villa aufmerksam geworden, konnten wir auf dem Weg zur Stadtführung immer wieder Spuren des Jugendstils auch an den Fassaden von Mietshäusern entdecken, z.B. miteinander korrespondierende Balkons über mehrere Häuser und Etagen. Natürlich haben wir den quadratischen Place Stanislaus mit der vollkommenen Symmetrie der Fassaden und den goldenen Gittern an drei der vier Ecken nicht ausgelassen. Aber er lag in der Hitze, so dass man froh war, im benachbarten Park unterzukommen, um gleich wieder in die Symmetrie der absolutistischen Gebäude zurückzukommen – jetzt des Place Carriere (Pferde-Rennen und bürokratische Karriere). Ein wenig Zeit blieb bis zur Rückfahrt, um die Geschäfte in der Hauptstraße, Rue Stanislas, zu inspizieren. Jeanne verabschiedete sich unter großem Beifall und dem Dank von Ursula Schiefer. Abends war guter Rat teuer. Im Hotel waren die beiden Restaurants auf der 1. und 9. Etage complets, aber – nach ein wenig Druck von Axel – konnte man doch noch im Garten des Hotels dinieren. Noch satt vom Mittagessen war ich mit einer Lasagne im Italiener gegenüber zufrieden.

Am Donnerstag – 18.06 – gab es um 6.15h einen überraschenden Programmpunkt. Die Hotel-Alarmanlage trieb alle Gäste aus dem Bett und in Schlafanzug oder Mantel in die Hotelhalle, bis nach einer Stunde die Ursache geklärt war: Späte Partyheimkehrer hatten im Hotel noch heimlich eine geraucht. Danach noch ein ausgiebiges Frühstück bis zur Abreise um 11.30h nach Schengen im Dreiländereck D-F-L. Gedenktafeln am Moselufer erzählen dort die Geschichte des schrittweisen Grenzkontrollenabbaus. Und auf dem Schiff, auf dem der erste Schritt dazu 1985 auf der niedrigen Ebene von Staatsekretären beschlossen wurde, wurde uns ein Luxemburger Riesling kredenzt. Danach hat uns der Bus die Mühe erspart, auf die Höhe zur Weinstube Ruppert zu klettern. Wo man ein verwinkeltes Winzerhaus erwarte, steht dort ein moderner wie ein Souffleurkasten geformter Betonbogen mitten unter den Rebstöcken, der zugleich das Markenzeichen des Winzerbetriebs ist. Eine vorzügliche Brotzeit mit Schinken, Wurst und Käse ließ uns die Folgen der Sekt- und Weinprobe vergessen, aber nur wenige waren so beschwingt, den recht teuren Wein auch zu kaufen.

Die Heimfahrt wurde wieder durch eine Pause in der „Schneifel“ unterbrochen und nach dem Dank unserer Vorstandsvorsitzenden Dorothea Sprockamp-Poscher an den Busfahrer und an die Organisatorin der Fahrt, Ursula Schiefer, in unserer aller Namen konnten wir um 21h unsere Koffer aus dem Bus laden.

Wer ist die Schönste im Land? Metz mit seinen schattigen Straßen im großzügig geplanten wilhelminischen Viertel, der Kathedrale und dem erfrischenden Moselufer? Oder Nancy mit seinem einzigartigen Place Stanislas, seinen klassizistischen Verwaltungsgebäuden und seinen engen Gassen? Müßige Frage.

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