Sphärenmusik: Das Konzept der „unsichtbaren“ Musik in Schloss Benrath

Ein spannender Vortrag von Prof. Stefan Schweizer mit überzeugender Musikdarbietung im Kuppelsaal von Carolina Hellwig und Audrey Zheng

Geschrieben von Hardo Bruhns, 13. Mai 2026
Beitragsbild: Hardo Bruhns

Am 13. Mai 2026 trafen sich rund 40 Freunde von Schloss und Park Benrath im Roland-Weber-Saal zu Herrn Prof. Stefan Schweizers Vortrag „Die Schallkuppel im Benrather Schloss im Kontext anderer „unsichtbarer“ Aufführungsorte in Europa der Frühen Neuzeit.“. Dem folgte im Kuppelsaal eine Darbietung mit Violine und Cello des Duos Carolina Hellwig (14 Jahre) und Audrey Zheng (11 Jahre), beide erste Preisträger im diesjährigen NRW-Landeswettbewerb „Jugend musiziert“. (s. Video unten)

Prof. Schweizer rief zunächst die Beweggründe des Bauherrn, Kurfürst Karl Theodor, und seiner Gattin Elisabeth Auguste Ende der 1740er Jahre für den Bau des „Neuen Schlosses zu Benrath“ in Erinnerung, der von seinem Hofbaumeister, dem knapp dreißigjährigen Nicolas de Pigage, geplant und ausgeführt wurde. In der Hauptsache als Sommersitz nahe seiner Düsseldorfer Residenz gedacht, sollte es durchaus repräsentativ sein, zumal der Kurfürst schon früh die Idee verfolgte, eine Vereinigung der Pfälzer niederrheinischen Besitzungen mit „Brabant“, den österreichischen Niederlanden bewirken zu können. In einem solchen Territorium wäre Düsseldorf nicht so entlegen gewesen, wie es von seiner Mannheimer Residenz aus war. Aber auch die Überlegung, das Schloss später eventuell als Witwensitz der Kurfürstin zu nutzen, spielte eine Rolle, weswegen Elisabeth Auguste wesentlichen Einfluss auf die Ausstattung des Schlosses nahm[1].  

Musik spielte in Mannheim und Schwetzingen (wo Pigage gerade das Hoftheater für den Kurfürsten baute) eine große Rolle, wie generell an den Höfen jener Zeit. Vielfach gab es in fürstlichen Schlössern einen oder mehrere dedizierte Musiksäle. Als Nicolas de Pigage 1754 den fertigen Bauplan vorlegte, war das für Benrath nicht vorgesehen – der „Speisesaal“, heute Kuppelsaal genannt, wurde im Osten und Westen von Gartensälen eingefasst. Sicher konnte von dort ein Kammerensemble die Tafelgäste unterhalten. Aber das elegante und raffinierte Konzept Pigages sah für „background music“ eine andere Lösung vor. Sie erinnert an die „tribune des musiciens“ im Louvre, einen engen von Karyatiden getragenen Balkon, auf dem die Musiker spielten und so von der Saal-Ebene der schwatzenden und plappernden höfischen Gesellschaft getrennt waren. Bekannt ist diese Form vor allem in Kirchen als „Chorempore“.  In Pigages Konzept sind Musiker aber auch optisch von der Hofgesellschaft getrennt: die Kuppel (die nur optisch eine Halbkugel zu sein scheint) schließt nach oben mit einem ringförmigen Deckengemälde Lambert Krahes ab, das elysisches Treiben zeigt. Durch die zentrale Öffnung dieses Gemäldes blickt man auf das herrliche Diana-Gemälde des gleichen von Karl Theodor geschätzten Künstlers an der Decke der Laterne, das durch deren seitliche Fenster belichtet wird. Der Blick von unten auf das Diana-Gemälde wird begrenzt durch die Brüstung eines kreisförmigen Balkons in der Laterne, von dem von unten nur zwei Putten zu sehen sind. Hier können einige Musiker Platz finden, die für die Gäste im Kuppelsaal unsichtbar bleiben. Nur der Klang ihrer Instrumente reicht hinab zur Tafelgesellschaft – und sie selbst müssen vielleicht in dem engen Räumchen Ohropax benutzen, um nicht von ihrer eigenen Musik taub zu werden.

1 Schloss Benrath: Zentraler „Speisesaal“ (heute Kuppelsaal genannt), darüber die gedrückte Kuppel mit zentraler Öffnung, die von unten wegen der Verjüngung der Kassetten so aussieht als folge sie dem Kreisbogen, oberhalb des Kreisbogens die Laterne mit rundlaufendem Balkon, an der Decke die Diana-Malerei Lambert Krahes, ganz oben das Belvedere (Stich aus: Edmund Renard, Das Neue Schloss zu Benrath, 1913 mit Erläuterungen des Verfassers in Rot und Türkis)

Pigages Konzept hat Vorläufer, einerseits bezüglich des Kuppelbaus (Prof. Schweizer erwähnt etwa die Rotonde von Schloss Neuhaus in Südböhmen) als auch hinsichtlich der „Schallkuppel“. Hierzu finden sich in und um Rom herum Beispiele, von denen Prof. Schweizer eines näher erläutert[2]. Allerdings kannte Pigage zur Zeit der Benrather Bauplanung Italien und Rom noch nicht, aber Lambert Krahe, der Leiter der Düsseldorfer Gemäldegalerie ab 1756 (und, so man will, Vorbereiter der Düsseldorfer Kunstakademie), hatte dort eineinhalb Jahrzehnte gelebt, und unter zigtausend Graphiken und Architekturzeichnungen, die er in Italien beschafft hatte, werden sicher einige zu solchen Kuppeln gewesen sein[3]. Es gab also durchaus Vorbilder im Kirchenbau, aber Pigage gebührt vielleicht das Privileg, dieses Konzept in die Schlossarchitektur übernommen zu haben. Vielfach wird angenommen, dass der Elssässer Pigage von Jaques-Francois Blondel beeinflusst gewesen sei, dem großen französischen Architekten jener Zeit, der sowohl herausragende theoretische Architekturschriften verfasst als auch viele Bauwerke undefinedbeschrieben hat. Allerdings ist ein direkter Einfluss auf Pigage, der über die Kenntnis Blondelscher Schriften hinausginge, so Prof. Schweizer, für die Zeit des Benrather Schlossbaus nicht nachgewiesen.

2 Die Kuppel der Dresdner Frauenkirche mit einem großen und zwei weiteren kleinen Balkonen in größerer Höhe (Wikipedia)
2 Die Kuppel der Dresdner Frauenkirche mit einem großen und zwei weiteren kleinen Balkonen in größerer Höhe (Wikipedia)

Prof. Schweizer bemerkte sodann, dass es nur wenige Quellen gebe, die tatsächlich einen Kuppelbalkon für die Unterbringung von Musikern dediziert nennen. Für Benrath allerdings findet sich der Bericht eines englischen Reisenden einige Jahrzehnte nach der Fertigstellung des Schlosses, in dem der Balkon genau als für Musiker gedacht benannt wird. Vielleicht lassen sich noch weitere solche Stellen finden, allerdings wurde das Benrather Schloss nicht häufig besucht: wenngleich Düsseldorf wegen seiner Gemäldegalerie[4] zum Kanon der Stätten gehörte, die (meist englische) Bildungsreisende im 18. und 19. Jh. aufsuchten, waren es nur wenige, die die mehr als einstündige Kutschfahrt nach Benrath auf sich nahmen – dass das Schloss vom Rhein aus nicht zu sehen ist, war seiner Bekanntheit nicht förderlich. (Umgekehrt konnte man vom Belvedere bei klarem Wetter sowohl Schloss Bensberg sehen als auch – und das bis heute – den Kölner Dom.)

Mit der Beantwortung einiger Fragen endete der Vortrag von Prof. Schweizer und erntete großen Beifall vom Publikum.

Sodann ergriff Herr Haseley, Beirat der Freunde für Musik, das Wort und führte in die musikalische Demonstration der „unsichtbaren“ Musik aus der Kuppel ein, die anschließend erfolgen sollte. Er verrate, sagte er, das Alter der beiden Musikerinnen jetzt noch nicht, die beide  soeben die ersten Preise in ihrer Instrumentenkategorie  im NRW-Landeswettbewerb „Jugend musiziert“ gewonnen hätten, aber er wolle aber etwas zu den gespielten Stücken sagen, die von dem Prager Erwin Schulhoff (1894 – 1942) komponiert worden seien, von dem bereits kürzlich Werke in einem Konzert des Freundeskreises zu hören gewesen seien, seine Kompositionen verbänden Jazz- und andere moderne Musikströmungen mit klassischer Aufführungstechnik. Heute würden die Musikerinnen einen Satz aus seinem Werk Zingaresa spielen, das Elemente der Folklore in Form von Zigeunermusik zum Klingen bringe. Danach ein zweites Stück von Johan Halvorsen, seine Passacaglia in g-moll nach Georg Friedrich Händel

Nach diesen Erläuterungen begab sich die Gesellschaft in den Kuppelsaal des Corps de Logis, im Inneren in den üblichen Filzpantoffeln über den auf diese Weise spiegelnd polierten Marmorboden „schreitend“. Als alle einen Platz gefunden hatten, erfüllten alsbald Violinen- und Celloklänge den Raum, beinahe unwirklich, als kämen sie aus dem Nichts. Stellt man sich die Kuppel als auf den Kopf gestellten Lautsprecherkonus vor, so spielten die Musikerinnen oben auf dem Balkon im Zentrum dieses Lautsprechers und das Publikum saß unmittelbar am äußeren Rand der Kalotte; das Echo im Raum verstärkte den Nachklang und verwischte die Ortungsmöglichkeit Offensichtlich zu hören war, dass der Raum eine lange Nachhallzeit besitzt, überdies tiefe Eigenfrequenzen, die besonders dem Celloklang immense Kraft verlieh[5]. Abgesehen davon eignet sich der Musikerbalkon nicht nur, wie man annehmen würde, für leise Hintergrundmusik, sondern die Akustik erlaubt eine gewaltige Klangfülle[6].

Nach der sowohl kompositorisch-musikalisch wie von der Darbietung her begeisternden Musikvorführung kamen die Musikerinnen von ihrem Hochbalkon herunter und die Freunde staunten: es waren die elfjährige Cellistin Audrey Zheng und die vierzehnjährige Violinistin Carolina Hellwig, die so virtuos, musikalisch und perfekt gespielt hatten, dass man erfahrene Berufsmusiker vermutet hätte. Sie ernteten begeisterten Applaus und, als bekannt wurde, dass sie Anfang der kommenden Woche beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ auf Bundesebene für NRW spielen würden, bekamen sie alle guten Wünsche für Erfolg mit auf den Weg.

Nach der sowohl kompositorisch-musikalisch wie von der Darbietung her begeisternden Musikvorführung kamen die Musikerinnen von ihrem Hochbalkon herunter und die Freunde staunten: es waren die elfjährige Cellistin Audrey Zheng und die vierzehnjährige Violinistin Carolina Hellwig, die so virtuos, musikalisch und perfekt gespielt hatten, dass man erfahrene Berufsmusiker vermutet hätte. Sie ernteten begeisterten Applaus und, als bekannt wurde, dass sie Anfang der kommenden Woche beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ auf Bundesebene für NRW spielen würden, bekamen sie alle guten Wünsche für Erfolg mit auf den Weg.
(Foto: Carolina Hellwig und Audrey Zhang, von Dorothea Sprockamp)

Frau Sprockamp-Poscher dankte für alle Anwesenden Prof. Schweizer, Herrn Haseley und insbesondere den jungen Musikern bevor sie daran erinnerte, dass das dicht gepackte Programm des Freundeskreises bereits in der kommenden Woche wieder ein Angebot bereithielte.

Damit ging ein rundum interessanter und gelungener Abend zu Ende – und sogar das Wetter, das die vom Roland-Weber-Saal zum Kuppelsaal Eilenden recht feucht angegangen war, hatte sich beruhigt, sodass der Heimweg trockenen Fußes beschritten werden konnte.

Video von Brigitta van der Horst

 [1] Frühere Schlösser in Benrath waren als Witwensitz der Herzöge von Berg genutzt worden. Auch Jan Wellem baute das gewaltige Schloss Bensberg als Witwensitz für seine Gattin Anna Maria de Medici. Nach dem Tod ihres Mannes verschmähte sie aber diesen Prachtbau und ging nach Florenz zurück.  Auch Elisabeth Auguste zog nach Karl Theodors Tod 1799 nicht an den französisch besetzten Niederrhein, sondern bevorzugte Schloss Oggersheim als Alterssitz – vermutlich hätte sie das auch getan, hätte es die französischen Wirren nicht gegeben.

[2] Ein anderes Beispiel ist die berühmte Basilika di San Francesco in Assisi. Sie hat im Querschiff eine ähnliche durchbrochene Kuppel mit einer „Coreto“ genannten Musikerempore, von der himmlische (Chor-) Musik zu den Gläubigen herab klingen kann, ohne dass die Musiker sichtbar sind.

[3] Vermutlich hatte Pigage auch Kenntnis von der 1743 fertiggestellten Frauenkirche in Dresden, die ebenfalls eine durchbrochene Kuppel mit sogar drei Balkonen aufweist, ähnlich wie die 1710 fertiggestellte St. Paul‘s Cathedral in London. Brunelleschi plante bereits drei Jahrhunderte früher in Florenz einen Balkon in der Kuppel des Doms – Michelangelo soll diesen als „Grillenkäfig“ verspottet haben und er wurde – auch wegen Brunelleschis frühen Tod – nicht realisiert.

[4] Vgl. z.B. „Kurfürstlicher Kunstgenuss“ Broschüre der Freunde Schloss und Park Benrath e.V., vergriffen.

[5] Als junger Physiker aus dem Lehrstuhl des Akustikers Prof. Konrad Tamm in Heidelberg habe ich mit dem später bekannten Musikwissenschaftler und Tonmeister Dr. Michael Dickreiter* viele Kirchen und andere Räume besucht. Er hatte stets einen Regenschirm dabei, dessen metallene Spitze er auf die steinernen Fußböden fallen ließ, um Nachhallzeit und Raumklang zu prüfen. Sein absolutes Gehör ermöglichte ihm, Raumresonanzen auf wenige Hertz genau anzugeben. In Benrath würde dem Regenschirm wohl auch eine Filzschluppe verpasst worden, was die Prüfung unmöglich gemacht hätte. * u.a. Handbuch für Tonstudiotechnik, 1648 S., derzeit 9. Erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin 2022.

[6] Sollte man der Kurfürstin Elisabeth Auguste bei ihrem letzten Besuch in Benrath am 1. März 1771 zur Einweihung des Benrather Schlosses mit diesem musikalischen Programm überrascht haben, so wäre ihr (und den anderen Anwesenden) nicht nur vor Überraschung der Löffel aus der Hand gefallen, sondern sie wäre wohl auch starr vor Erstaunen gewesen, was die letzten 250 Jahre in der Musikgeschichte bewirkt haben. Allerdings: Die Aufführung der Komposition „In Futurum“ Erwin Schulhoffs auf dem Musikerbalkon hätte die Kurfürstin sicher ganz gelassen rezipiert: dieses dadaistische Stück aus dem Jahr 919) besteht nur aus Pausen; auf Youtube kann man es z,B. auf Orgel gespielt hören – oder präziser formuliert – betrachten. (https://www.youtube.com/watch?v=QwcgPpyLDho).

zu allen kommenden Veranstaltungen

zu allen veröffentlichten Informationen und Artikeln