„Die Bilder der Kunst leben am Rande des Sichtbaren, …

hinter dem sie einen Abgrund des Unsichtbaren und Undarstellbaren hüten.“ (Hans Belting)

Helmut Schweizer: Nature[continues]

Geschrieben von Hardo Bruhns, 23. April 2026
Beitragsbild: Stiftung Schloss und Park Benrath

Seit seiner Jugend treibt den heute 80-jährigen Helmut Schweizer um, Natur und Naturwissenschaft künstlerisch zu visualisieren und erfahrbar zu machen. Entstehen und Vergehen, dieser universelle Prozess der Natur und jedes Lebensprinzips auf dieser Erde, fasziniert ihn schon als Schüler, angeregt durch hervorragende Lehrer, die in ihm den Antrieb zu lebenslangem Bemühen wecken, als bildender Künstler eine Vorstellung von diesen ewigen Kräften der Natur zu vermitteln. Geboren 1946, im Jahr nach den Bomben von Hiroshima und Nagasaki, durch die die Menschheit schlagartig in eine Ära zuvor ungekannter Vernichtung gestoßen wurde, erkennt er als Vierzehnjähriger die Tragweite dieses Umbruchs durch die Lektüre von Robert Jungks Buch „Heller als Tausend Sonnen“. Der Faszination wissenschaftlicher Erkenntnis folgt Entsetzen, das ihn bleibend bis ins hohe Alter bewegt, künstlerische Installationen zu konzipieren, die in all ihrer Schönheit gleichwohl Menetekel der Gefahren technologischer Entwicklungen sind: Helmut Schweizer gesellt dem feuergestaltenden Prometheus die Pandora zu – so sehr ihre göttliche Eleganz zunächst blendet, so rasch quellen unfassbare Grauen und Schrecken hervor und drohen, das prometheische Wirken zum Wohle der Menschheit in grässliches Verderben zu verkehren.

Am 22. April 2026 wurde in Schloss Benrath eine Ausstellung zu Helmut Schweizer unter dem Titel „nature[continues]“ eröffnet. Hauptaspekte dieser Präsentation, die in Umfang und Auswahl die Bedeutung einer Retrospektive auf wichtige Teile seines Lebenswerks beanspruchen darf, sind einerseits Installationen zu technologischen Entwicklungen – insbesondere unkontrollierte oder außer Kontrolle geratende nukleare Energie betreffend – andererseits aber frühe Arbeiten zu einem Herbarium ganz besonderer Art, dem man im Parcours der Ausstellungsräume im Ostflügel als Erstes begegnet.

Helmut Schweizers Herbarium der Vergänglichkeit

Die Verfügbarkeit von Polyäthylenfolie und eines Folienschweißgeräts motivierten den jungen Künstler, dessen Interesse an Botanik ihn schon früh zum Zeichnen und Aquarellieren von Blumen und Gräsern geführt hatte, botanische Objekte statt wie üblich zwischen Löschpapier zu trocknen, zwischen zwei Plastikfolien zu pressen und luftdicht einzuschweißen. Restfeuchte und -luft in diesem abgeschlossenen Volumen ermöglichten über die Zeit eine graduelle Zersetzung; erst mit dem letzten verbrauchten Sauerstoff erstarrt das biologische Material in leblosen Zustand. In Kisten gestapelt überdauerten diese Exponate etliche Jahrzehnte, bis der junge Naturforscher als gereifter Künstler wieder auf sie aufmerksam wurde und entdeckte, welche faszinierenden Dokumente des Zerfalls, einer vergehenden und doch bleibenden Schönheit er geschaffen hatte. In der Natur gehen Pflanzen den Weg des Verfalls zumeist hin zur Unkenntlichkeit in dunklem Morast – Helmut Schweizer hält die Ästhetik ihres Vergehens durch seine Technik der Mumifizierung in seinem  besonderen Herbarium dauerhaft sichtbar.

Diese Exponate sind nun in den vorderen Räumen des Gartenkunstmuseums zu betrachten; auch der ansprechende Katalog konzentriert sich auf sie, insbesondere auf jene, welche die Zeit in besserem Zustand, in dem die botanische Spezies noch gut erkennbar ist, überdauert haben. Manchem Betrachter, mich eingeschlossen, mögen allerdings diejenigen Folien besonders reizvoll erscheinen, bei denen sich aus starker Zersetzung abstrakte Strukturen entwickelt haben, wie sie auch bei geologischer Verwitterung in Gesteinssedimenten entstehen und nach Äonen etwa in Marmorschliff – auch in Schloss Benrath – wiederentdeckt werden können.

Etliche Schaukästen und Plakate zeigen Stationen und verweisen auf Aktivitäten und Aktionen des Künstlers in den sechziger bis achtziger Jahren, die nicht nur in der Kunst die wilden waren, und vermitteln so ein zeitgeschichtliches Kolorit, das den homo politicus im Künstler Helmut Schweizer erfahrbar macht.

Helmut Schweizers Installationen

An sieben Kaminstellen – „fire places“ – in den Außenräumen des Corps de Logis und weiteren in den Räumen des Gartenkunstmuseums – sind Installationen aus Glas- und anderen Objekten arrangiert, die, meist in blau-grün-gelblichen Farben leuchtend, Lichtemissionen chemischer Reaktionen ebenso wie durch radioaktiven Zerfall induzierte Strahlung in der umgebenden Materie evozieren. Ampullen, Stäbe und Schmelzformen verweisen auf nukleares Material, Brennstäbe in Reaktoren und Kernschmelze, mit Flüssigkeiten gefüllte Petrischalen auf verschiedene Produktionsschritte. Kreisförmige grün-gelb strahlende Platten deuten „blast-areas“ atmosphärischer Nuklearexplosionen an, speziell die verwüsteten Flächen in Hiroshima und Nagasaki. Darüber ausgebreitete Collagen japanischer Zeitungsausschnitte, in denen Zeilen und Buchstaben wie zerstörte Straßenfluchten und Häuserreste wirken, visualisieren die tödliche Verwüstung. 

Wie kann ein Kunstwerk das Bild im Kopf des Künstlers Helmut Schweizer in jenen des Betrachters transportieren – oder, um im Kontext zu bleiben, in ein darin entstehendes „transmutieren“? Vom naiven Bildeindruck ist dies leicht nachvollziehbar, denn bei allem Kontrast ist die ästhetisch-harmonische Einbettung der „fire places“ in das barockverspielte Kamin- und Spiegelambiente des Benrather Schlosses geradezu erstaunlich gut gelungen. Aber diese Kunst will mehr als schön sein: sie will intellektuell faszinieren. Offensichtlich, und dies versteht sich auch ohne die Begleittexte des Katalogs, beziehen sich die „fire places“ auf Forschung und Forscher überwiegend der vierziger Jahre rund um die Welt, deren Arbeit sich der Entfesselung und Beherrschung der nuklearen Energie widmete und direkt oder indirekt zu den Schrecken von Hiroshima und Nagasaki führte – später auch (in anderer Dimension und Konsequenz) zu Tschernobyl, auch Fukushima. So explizit diese Kompositionen verstehbar erscheinen, mutet dieser Kunst gleichwohl etwas Hermetisches, Religiöses an – und dies nicht nur wegen ihrer Präsentation in einem altarartigen „setting“ an den Kaminsimsen des Schlosses. So wie die Historie und Funktion liturgischer Gerätschaften gelernt sein muß, um die rituelle Bedeutung ihrer Handhabung zu erfassen, müssen die Elemente der Werke Helmut Schweizers von ihrem Ursprung her gedeutet sein, um sich in seiner Gedankenwelt bewegen zu können, die gesellschaftlich-politische Botschaft zu ermessen und diese in ihrer Tiefe durchdringen zu können. Diese Anstrengung lohnt, insbesondere, weil sich dann offenbart, dass seine künstlerische Kraft das Bewußtsein um die Gefahren und Schrecken technologischer Entwicklungen in die Gewißheit einbindet, dass sie überwunden werden können: „Wo aber Gefahr ist, wächst/ das Rettende auch“ zitiert er Hölderlin und wählt als Titel der Ausstellung „nature continues“ – wie auch immer, das bliebe im Dialog mit dem Künstler zu hinterfragen.

Zurück zum Rahmen der Veranstaltung: Prof. Dr. Stefan Schweizer – nicht verwandt mit dem Künstler – begrüßte die zahlreich Anwesenden und skizzierte den durchaus verschlungenen Pfad zur Ausstellung, der mit ersten Kontakten, vermittelt von der Galerie Pfab, vor zwei Jahren begann, mit Unterstützung der Stadt und durch das Engagement der Beigeordneten für Kultur und Integration, Frau Miriam Koch, zum Ankauf von Arbeiten Helmut Schweizers für die Stiftung Schloss und Park Benrath führte, und schließlich vom ersten Plan für die jetzige Ausstellung bis hin zu ihrer inhaltlich und technisch vortrefflich gelungenen Realisierung. Unter Mitwirkung des ganzen Teams der Stiftung wurde sie kuratiert von Dr. Eva Gruben und Narges Mehrnegar. Man kann Stefan Schweizer nur beipflichten in seinem Lob und seiner Anerkennung für diese Leistung! – Prof. Dr. Robert Fleck zeichnete in seiner Rede die Entwicklung des Künstlers Helmut Schweizer im Kontext der europäischen Konzeptkunst nach, bevor dieser selbst das Wort ergriff, um in höchst sympathischer Weise seinen Lebensweg zu skizzieren, nämlich formuliert als Dank an alle, die ihn gefördert und beeindruckt haben,  angefangen von seinen Gymnasiallehrern über seine künstlerisch-akademischen Lehrer, seine Mitstreiter in langen Jahrzehnten bis hin zu seinen jetzigen familiären und geistigen Wegbegleitern. 

Dies war eine wahrhaft gelungene Vernissage, die den Teilnehmern lange in guter Erinnerung bleiben wird.
Den Freunden von Schloss und Park Benrath wird Prof. Schweizer eine gesonderte Präsentation der Ausstellung anbieten. Sie wird sicher ein ebenso reges Interesse wie diese Vernissage finden!

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